Sonntag, 8. November 2009

soll sein

der winter soll wieder richtig kalt sein,
und auf 'm dach soll schnee sein, aber weiss
rings um mein haus soll wieder richtig wald sein,
und der ofen drinne richtig heiss
mein teppich, der soll endlich wieder fliegen,
mein zauberpferd kommt angetrabt
die flaschengeister könn mich nicht mehr kriegen,
weil ich wieder freunde hab
die bäume sollen wieder meine brüder sein,
wir lassen unsre wunden heiln
an den zweigen solln die vögel wieder wohnen
und mit mir die kirschen teiln
ich will auch wieder mit den tieren sprechen können
und ich will das gras verstehn
was es flüstert in den blauen sommernächten,
ich habe mich so lang danach gesehnt
frag mich nicht wie, frag mich nicht wann, s ist doch nur n lied
aber mitm lied fang ich erst mal an
der regen soll wieder seinen bogen schlagen,
zwischen schwarz und weiss wie n bunter arm,
und das rot darin soll nicht mehr so verlogen sein
und grün und gelb nicht mehr so arm,
die pilze sollen wieder in die bomben kriechen,
und die bombe wieder in den flugzeugbauch
das loch im himmel soll sich wieder schliessen,
und die löcher in der erde, die auch
frag mich nicht wie, frag mich nicht wann,
s ist doch nur n lied
aber mitm lied fang ich erst mal an
mein teppich, der soll endlich wieder fliegen,
mein zauberpferd kommt angetrabt
die flaschengeister könn mich nicht mehr kriegen,

weil ich wieder freunde hab

(c) gerhard gundermann

nicht mehr hören und sehen:

die krise
ingo schulze zum mauerfall
johannes b. kerner zum mauerfall
die kanzlerin zum mauerfall
ossis zum mauerfall
wessis zum mauerfall
amis zum mauerfall
ddr-bürger auf dem weg in die freiheit
vollendete einheit
schwarz rot gold
schweinegrippe in deutschland
bundeswehr in afghanistan
bundesaußenminister westerwelle
bundesgesundheitsminister rösler
bundesarbeitsminister jung
bundesverkehrsminister ramsauer
die fahrscheine mal bitte
preiserhöhungen bei der bahn
sozialleistungen gekürzt
betreuungsgeld kommt
die uhr tickt
wollt ihr kinder
wie weit bist du eigentlich mit der diss
baumaßnahmen auf der u2 voraussichtlich bis ende 2010
baumaßnahmen auf der berliner straße voraussichtlich bis ende 2012
wolken, sprühregen, 7 grad
weihnachtsmänner im november
ich habe keine zeit
hör auf zu jammern

Dienstag, 3. November 2009

reformiertes gebet, neoliberalistisch gewendet


ich lebe ein leben, dass mir gefällt.
ich habe den besten gefährten der welt.
ich kriege für das was mir spaß macht auch geld.


ich danke mir, gott und rainer vom feld.

Montag, 2. November 2009

nächtlicher widerstand

20:30 finde ich es trotz tatort ungerecht, wenn männer meinen, sie können ihren wunsch nach familie ausleben ohne zumindest die überlegung anzustellen, wie es wäre maximal halbtags arbeitend und schlechterverdienend älter und den eigenen ansprüchen nicht gerecht zu werden.

21:45 mache ich den fehler und sehe annewill, ich bin erst fassungslos und koche dann vor wut über die selbstgefälligkeit derer, die sich ermächtigt haben dieses land zu regieren.

22:30 sehe ich nicht ein, warum ich da ruhig bleiben soll und vernünftige argumente finden und liege dann herzpochend im bett und stelle mir ein dasein als hausfrau und mutter vor, weil eben eine abstriche machen muss, schon allein aus ökonomischen gründen. zumindest habe ich dann kinder, die mich pflegen müssen, wenn ich bedürftig aber wegen verminderter einzahlungen nicht würdig bin, eine anständige altersbetreuung zu genießen. die lange angesparte zusatzrente setzt mein mann dann währenddessen mit der dreißig jahre jüngeren doktorandin um, stelle ich mir vor.

23:30 beginne ich mit den reden an die nation, weil schließlich irgendwer mal was tun muss und das alles so nicht weitergeht. ich prangere an: das marode bildungssystem, die geschlechterpolitik, den neoliberalismus, die angst und feigheit der menschen.

0:00 sehe ich ein, dass es allein mit nächtlichen reden nicht getan ist und überlege, wie sich bis zum 4. november noch eine spontane demonstration organisieren ließe, ein aufstand gegen die soziale kälte. vielleicht über twitter. oder ich spreche die leute einfach in der u-bahn an. oder ich stelle mich mit einer kerze am abend an die weltzeituhr. vielleicht haben ja noch andere die idee. muss man das dann anmelden? soll ich annewill anrufen? sind auf dem spitzboden meiner eltern eigentlich noch die alten plakate mit den schmetterlingen, die wir vor zwanzig jahren am abend vor dem großen tag gemalt haben?

2:00 denke ich, es ist besser, die menschen bei ihren ängsten abzuholen und gründe ein mobiles büro für bürgerrechte (mbb). ich werde mich jeden samstag vor ein einkaufszentrum stellen und menschen beraten, wie sie ihre wut und unzufriedenheit kreativ produktiv machen können: handeln statt jammern! ich drucke handzettel: 1. formulieren sie ihre unzufriedenheit. was muss sich ändern? 2. sprechen sie mit anderen darüber (nachbarn, freunde) und organisieren sie ein treffen. 3. diskutieren sie über für ihre gruppe geeignete formen des zivilen widerstands. 4. setzen sie ihre ideen um. 5. wichtig: keine gewalt. ich überlege, wen ich morgen anrufen könnte, vielleicht p., deren mann ist dokumentarfilmer, da könnte man das gleich als doku...

3:00 die idee nimmt konturen an. werden sie subunternehmer. gründen sie ein mbb vor ihrem einkaufszentrum. beraten sie andere menschen hinsichtlich kreativer widerstandsformen.

4:00 in drei stunden klingelt der wecker und an schlaf ist nicht zu denken. ich hole den mann ins bett und denke, als ich beim leisen schnachen langsam wegdämmere: vielleicht ist ein halbtagsjob mit familie gar nicht so schlecht, nachmittags könnten die kinder und ich vor dem einkaufszentrum mit menschen sprechen und bonbons verschenken gegen die soziale kälte,  das macht aus den kindern gute menschen und hilft anderen und vielleicht komme ich ja  auch mal zu annewill mit meinen ideen, wenn ich mich da bloß nicht wieder so aufrege...


Sonntag, 1. November 2009

restauration kur

am meer jewesen. war schön jewesen. war jenauso schön jewesen wie vorjestellt und jewollt (eijentlich noch viel schöner): anjekomm, ans meer, fisch jejessen mit bratkartoffel, fahrrad jefahrn über die boddendörfer (kühe, kraniche, neblige felder), am alten hafen freunde jetroffen, den kopf jeschüttelt über den kurhausneubau (wird imma schlimma da!) - durch den wald zurück (dauert nicht so lange), teekaten, voll, also kulturkatenkaffe (och schön), dann massage und abendmenu (wir hams ja jetzt), erschöpft in die kissen von so viel seeluft und viel zu früh wach am nächsten tach. dann nochmal: steilküste, steinesammeln, nasse füße, sogar sonne und dann durch den nebel nach hause. alte liebe.

alles so wie immer in wechselnden jahreszeiten. so ist es gut. der liebste weiß und ich fasse zusammen: das ist die enjoyment restauration phase. keine veränderung, nur vertrautes, keine spannung, nur spaß. so, sagt er, will es der ossi und findet sich über irgendwelche membranschwingungen immer wieder an den selben orten zusammen um sich dort gemeinsam zuhause zu fühlen. recht hat er. da kann freund f. sich von mir aus totlachen, ich habe keine sehnsucht nach fernen ländern. mein erfahrungsbedarf in punkto neue welten ist seit zwanzig jahren gedeckt. einmal alles anders reicht mir für ein ganzes leben. ich möchte das neue nur noch in erträglichen dosen. da reicht mir ein luxushotelrohbau, wo in den letzten jahren das kurhaus verottet war. schandfleck gegen schandfleck. schloss gegen palast. neubau gegen neubau. west schlägt ost. die abrissbirne zerschlägt immer. die beste freundin und ich schütteln den kopf, wir kennen ja die geschichte:




 photo:  eric kohler

eines verregneten abends (lange ist es her) klopft es im kurhaus laut an die scheibe. die kollegin der nachtschicht öffnet zwei verzweifelnd gestikulierenden durchnässten männern. "wo sind wir?", rufen sie in gebrochenem deutsch. "kurhaus", antwortet die freundliche frau. unverständnis: "wo sind wir?", "kurhaus, ahrenshoop", wiederholt die frau geduldig. immer noch unverständnis und vehementer: "wo sind wir?", "kurhaus, ahrenshoop, ddr". entsetzen. nach ankunft des zuständigen abv wird klar: zwei dänische fischer waren in einen sturm geraten, hatten endlich erleichtert land gesehen und strandeten am ostufer. es soll wohl einige zeit gedauert haben bis man sie angesichts eines kaputten kutters und fehlender spionagewerkzeuge wieder in ihr heimatland entließ. man sagt, sie kommen seitdem jedes jahr wieder, um ihrer wundersamen rettung zu gedenken. na die werden sich wundern.